Die Ökonomie des Überflusses
The Economy of Abundance
Im Jahr 1930, mitten in der Großen Depression, hielt John Maynard Keynes einen Vortrag mit dem Titel „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkel". Er prognostizierte, dass die Menschen seiner Zeit, also die Generation, die im 21. Jahrhundert leben würde, nur noch fünfzehn Stunden pro Woche arbeiten müssten. Der Rest wäre frei für Muße, Kunst, Kultur und das, was Keynes „die Kunst des Lebens" nannte.
Wir sind in dieser Zukunft angekommen. Die Produktivität ist um den Faktor sechs gestiegen. Aber wir arbeiten mehr, nicht weniger. Wir sind ängstlicher, nicht freier. Und der Reichtum, den die Produktivität erzeugt hat, fließt nicht zu denen, die ihn produzieren – er konzentriert sich an der Spitze.
KI verschärft diese Logik radikal. Studien zeigen, dass generative KI die Produktivität in Wissensberufen um 14 bis 56 Prozent steigert. Goldman Sachs schätzt, dass weltweit 300 Millionen Vollzeitstellen von KI-Automatisierung betroffen sein könnten. Im Gegensatz zu früheren Wellen trifft es diesmal nicht die einfachen, sondern die qualifizierten Tätigkeiten: Programmieren, Schreiben, Analyse, juristische Recherche, Buchhaltung.
Das Problem ist nicht die Produktivität. Das Problem ist die Verteilung. Das amerikanische Modell setzt auf Marktdynamik – wer den Wert produziert, soll ihn behalten. Aber wenn KI-Modelle zunehmend den Wert produzieren, behalten ihn nicht die Arbeitenden, sondern diejenigen, denen die Modelle gehören. Die Frage „Wer profitiert?" wird zur entscheidenden politischen Frage des Jahrhunderts.
Verschiedene Antworten stehen im Raum. Universal Basic Income – als Sicherheitsnetz für eine Welt, in der nicht mehr alle gebraucht werden. Daten-Dividenden – als Anteil an den Gewinnen aus den Daten, die wir täglich produzieren. Kürzere Arbeitswochen mit gleichem Lohn – als Übersetzung von Produktivitätsgewinnen in Lebensqualität. Öffentliche KI-Infrastruktur – als demokratische Alternative zu privater Konzentration.
Keine dieser Antworten ist perfekt. Aber alle sind besser als das Standardszenario: dass Produktivitätsgewinne weiter nach oben fließen, während Unsicherheit weiter nach unten sickert. Eine Ökonomie des Überflusses, die für die meisten wie eine Ökonomie der Knappheit aussieht – das ist nicht nachhaltig. Weder ökonomisch noch politisch.